Manaslu Tagebuch Teil 2
20. April 2002
Ausflug ins ewige Eis
Heute schaue ich mir den Aufstieg zum Lager I, welcher auf dem Manaslu Gletscher verläuft, etwas genauer an. Unterhalb des Basislagers bricht der eisige Strom in einem steilen Hang ab und zerreißt dabei in hunderttausend Fetzen, Eistürme und bizarre blassblaue Gebilde. Hier oben erinnert mich der Gletscher aber eher an das Hochtal zwischen Lhotse und Everest, welches Western Cwm genannt wird.
Auch im Western Cwm war ich über jeden Windhauch der aufkam froh, aber genau dieser bleibt mir hier heute Morgen versagt. Ich habe keine andere Wahl, als bei drückender Hitze aufzusteigen. Unterhalb von Lager I in 5200 m drehe ich dann um und steige nun im zwischenzeitlich grundlosen Schnee wieder zum Basislager ab.

Für mich steht fest, dass ich zukünftig sehr früh am Morgen aufbrechen werde, damit der Schnee noch hart gefroren ist und sich die Temperatur auf erträglichem Niveau bewegt. Da die Zelte bereits heute morgen von den Hochträgern zum Lager I gebracht wurden, steht dem ersten gemeinsamen Aufstieg zum Lager I am morgigen Tag nichts mehr im Wege.
21. April 2002
Erste Besteigung des Mansalu in diesem Jahr!
Die erste Gruppe startet gegen 5:45 Uhr und die zweite um 8:00 Uhr. Warum dieses? Die Antwort darauf ist recht simpel. Gruppe 1 geht zu Fuß und Gruppe 2 mit den Skiern. Da der Schnee um 6 Uhr morgens noch sehr hart ist, warten die Skifahrer bis der Schnee durch die Sonne etwas weicher geworden ist. Ich bin in der Gruppe der Fußgänger und so ist es in der ersten Stunde nach dem Start doch noch recht kalt, speziell an den Fingern.
Der Sonnenaufgang ist heute phantastisch und ich erreiche nach fünfeinhalb Stunden den Naike Col wo unser Lager I in 5600 m Höhe aufgebaut werden soll.

Wir stellen hier zwei Zelte auf und deponieren darin die mitgebrachte Ausrüstung. Danach begeben wir uns wieder auf den Rückweg zum Basislager.

Obwohl es erst früh am Morgen ist, wird der Schnee schon weich und grundlos wodurch der Abstieg zum Basislager schon recht unangenehm ist. Kurz nach 10:00 Uhr sitze ich wieder im Basislager und trinke einen Kaffee. Kurz darauf trifft die Nachricht über die erste Besteigung des Manaslu in diesem Jahr im Basislager ein.
Um 9:30 Uhr erreichen die beiden Sherpas Dawa Tsering und Chilu Pemba, sowie die beiden norwegischen Brüder Sven und Jon Gangdal den Gipfel. Der Nachmittag verläuft wie alle Nachmittage bisher: Nebel, Graupel und Schneefall sowie niedrige Temperaturen. Für die vom Gipfel absteigenden Bergsteiger sind das sicherlich nicht die optimalen Bedingungen, aber nach dem letzten Funkspruch am Abend, haben aber alle Bergsteiger sicher das letzte Lager erreicht.
22. April 2002
Vorbereitungen für die erste Übernachtung im Lager I
Heute wird die Ausrüstung für den ersten Aufenthalt im Lager I zusammengestellt. Zwischen den Zelten hört man dann Wortfetzen wie:
... was nehmen wir zum Essen mit?... die Daunenhose auch mitnehmen ? usw.
Von der norwegischen Expedition dringt am Nachmittag lauter Freudengesang über den Gipfelerfolg zu uns herüber und wir freuen uns mit ihnen über diesen großartigen Erfolg.
23. April 2002
Erste Nacht im Lager I
Vor Sonnenaufgang verlassen wir das Basislager und steigen die ersten Schneehänge hinauf. Es dauert jedoch nicht lange und dann muss die Kleidung der starken Sonneneinstrahlung angepasst werden. Nach ca. 3 Std. erreichen wir das Lager I in 5600 m und beginnen dort sofort die Plattformen für unsere Zelte aus dem Schnee auszuschaufeln.

Kaum sind die Zelte aufgebaut, ziehen auch schon die ersten Wolken auf. Zuerst ist es noch niederschlagsfrei aber im Laufe des Nachmittags schneit es dann zeitweise. Den Rest des Tages verbringen wir mit Kochen und den Vorbereitungen für den morgigen Aufstieg zum Lager II.

Wo wir das Lager II genau errichten werden wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wir sind jedoch sehr zuversichtlich, dass wir einen sicheren und geeigneten Lagerplatz finden werden. Die erste Nacht in einer neuen Höhe ist immer etwas problematisch im Bezug auf Kopfschmerzen, aber ich blieb davon verschont und konnte gut schlafen.
24. April 2002
Aufstieg zum Lager II
Wir haben die Startzeit auf 5:30 Uhr festgelegt und so beginnen wir eine Stunde zuvor mit dem Kochen. Pünktlich verlassen wir das Lager.

Zuerst ist es recht kalt, aber als uns die ersten Sonnenstrahlen erreichen wird es in kürzester Zeit unerträglich heiß. Gleich zu Beginn geht es über mehrere steile Aufschwünge nach oben. Diese Stellen wurden bereits von den vorherigen Expeditionen mit Fixseilen abgesichert und so können wir zügig nach oben steigen. Unsere Körper sind jedoch noch nicht an diese Höhe angepasst und so wird die Aufstiegsgeschwindigkeit durch die Leistungsfähigkeit des Körpers schnell begrenzt. Oberhalb von 6200 m müssen wir dann folgendes Schema anwenden:
Zehn Schritte gehen ... stehen bleiben und ausruhen.... zehn Schritte gehen ... usw.

Es geht auch kein Lüftchen und so quälen wir uns langsam bis zu unserem geplanten Lagerplatz in 6600 m Höhe hinauf.

Wir freuen uns über den Lawinensicheren Platz und einen phantastischen Ausblick. Wir stellen hier oben ein Zelt auf und deponieren darin unsere mitgebrachte Ausrüstung für den nächsten Aufenthalt in diesem Lager. Die meisten Teilnehmer sind schon vorzeitig umgekehrt und so erreichen nur noch Ralf, Sepp, Gianni, ich und unsere drei Hochträger das Lager. Das hat aber noch gar nichts zu bedeuten. Die Zeit der Anpassung an die Höhe ist bei jedem Menschen verschieden.

Schlussendlich haben wir fünf Stunden für den Aufstieg vom Lager I zum Lager II benötigt. Wir sind zufrieden mit uns und beginnen nach einer Pause mit dem Abstieg. Durch die Sonneneinstrahlung ist der Schnee weich geworden und der Abstieg ist entsprechend unangenehm. Gegen Mittag erreichen wir das Lager I und entscheiden uns für den sofortigen Abstieg ins Basislager. In der Zwischenzeit sind Wolken aufgezogen und die Sicht beträgt nur noch wenige Meter. Unter diesen Bedingungen macht der Abstieg wirklich keinen Spaß. Als wir dann im Basislager am Tische sitzen und das Mittagessen zu uns nehmen, wissen wir warum sich ein Abstieg immer lohnt. Trinken so viel man will und ein gutes Essen ist immer mehr Wert wie die Anstrengung beim Abstieg.
Am Nachmittag schneit es dann mal wieder ..... so wie fast an jedem Nachmittag. Nicht ergiebig aber doch über Stunden anhaltend. Die Nacht im Basislager ist erheblich angenehmer als die im Lager I.
25. April 2002
Wetterkapriolen
Um 7:00 Uhr ziehen die ersten größeren Wolken auf und bereits zwei Stunden später setzen Graupelschauer ein. Die Sicht sinkt auf unter 50 Meter und man sieht kaum noch von einem Ende des Lagers zum gegenüberliegenden.

Vor Beginn der Niederschläge ist es mir gerade noch gelungen den Untergrund meines Zeltes wieder in einen ordentlichen Zustand zu bringen. Durch die Hitze ist der Untergrund unter dem Zelt so uneben geworden, dass an ein vernünftiges Schlafen nicht mehr gedacht werden kann. Der Rest des Tages verbringen die Teilnehmer in ihren Zelten und überbrücken die Zeit mit lesen oder Musik hören.
26. April 2002
Eingeschneit im Basislager
Seit gestern schneit es nun schon ohne Pause und das Basislager versinkt im Schnee. Am Morgen gab es eine kurze Unterbrechung und da konnten wir die Zelte von den Schneemassen befreien.

Kurz darauf schneit es wieder ergiebig und es gibt auch am Nachmittag keine Anzeichen der Besserung. Die Hauptbeschäftigung am heutigen Tag ist das frei schaufeln der verschneiten Zelte. Erst am späten Nachmittag können wir dann aufatmen, der Schneefall lässt nach und die ersten Aufhellungen zeigen sich. Es hat bis hinunter nach Sama (3400 m) geschneit und im Basislager liegen an die 40 cm Neuschnee. Die Lawinengefahr ist durch diese Schneemassen in die höchste Bewertungsstufe gerutscht.
27. April 2002
Sonnenschein
Nach zwei Tagen schlechtem Wetter ist die Nacht sternenklar bei einer Temperatur von -10 °C. Prächtiger Sonnenschein treibt uns am frühen Morgen aus den Schlafsäcken. Die angenehmen Temperaturen während des Tages werden zum Duschen genutzt. Bei über 20 Personen, die sich zum Duschen in unserem Duschzelt angemeldet haben zieht sich diese Prozedur über Stunden. In der Zwischenzeit seifen sich ein paar Mutige mit Schnee ein. Auch ich war bei diesem Spaß mit von der Partie aber meine Füße sind eine halbe Stunde danach immer noch wie abgestorben. Dann stellt sich aber eine mollige Wärme ein und die hält den ganzen Tag über an.

Am Nachmittag nimmt Ralf noch Kontakt mit seiner Expeditionsgruppe am Cho Oyu auf. Sie stehen gerade in den Startlöchern zu einem Gipfelaufstieg, müssen diesen aber auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Der Grund hierfür ist die derzeitige Wetterlage, bei der die Jetstreams auf eine Höhe von 8000 m abgesunken sind und dadurch Stürme mit über 150 km/h im Gipfelbereich anzutreffen sind. Eine Besteigung eines Achttausenders ist bei diesen Bedingungen nicht möglich.

Am Abend schneit es abermals und in der Nacht fallen weitere 15 cm Neuschnee.
28. April 2002
Zeitplan wird erstellt
Unsere Hochträger steigen zum Lager I hinauf um die vermutlich tief eingeschneiten Zelte auszugraben. Durch die erneuten Schneefälle wurde unser ursprünglichen Plan für die nächsten Tage heute Morgen kurzfristig geändert.
Der ursprüngliche Plan sah folgendermaßen aus :
Sonntag, 28.04.2002
Die Hochträger steigen mit den Zelten für Lager III zum Lager I hinauf.
Montag, 29.04.2002
Die Teilnehmer steigen zum Lager I auf und übernachten dort.
Die Hochträger steigen mit den Zelten für Lager III zum Lager II auf.
Dienstag, 30.04.2002
Die Teilnehmer steigen zum Lager II auf und übernachten dort.
Die Hochträger bauen das Lager III auf und warten auf das Eintreffen der Teilnehmer.
Mittwoch, 01.05.2002
Hochträger und Teilnehmer die sich fit fühlen steigen zum Lager III in 7400 m hinauf, deponieren dort die Zelte und steigen an diesem Tag nach Möglichkeit wieder bis ins Basislager ab.

Der Wetterverlauf ist heute aber wieder nicht so wie wir uns das gewünscht hätten. Am Morgen beginnt es erneut zu schneien und an ein Setzen des Schnees ist nicht zu denken. So warten wir erst einmal die Rückkehr der Hochträger vom Lager I ab und wollen ihre Einschätzung hören. Wenn wir oberhalb vom Lager I im Schnee stecken bleiben und zudem noch akute Lawinengefahr herrscht, bringt der ganze Aktionismus nichts. Am Nachmittag teilen die Hochträger über Funk mit, dass im Lager I mehrere Zelte stark beschädigt sind. Ein Teil der Zelte ist überhaupt nicht mehr sichtbar, so dass wir den genauen Schaden erst beim nächsten Aufstieg zum Lager I feststellen können.
29. April 2002
Trostlosigkeit
Erneute starke Schneefälle in der Nacht lassen einen Aufstieg am heutigen Tag nicht zu. Die Hochträger berichteten bereits gestern Abend, dass einige Zelte im Lager I nicht mehr aus dem Schnee herausragen. Nachdem sie mehrere Zelte freigeschaufelt hatten, wurde das Ausmaß des Schadens erkennbar. Was von den ausgegrabenen Zelten noch zu brauchen war verblieb in Lager I, den Rest - viele gebrochene Gestänge und zerrissene Überzelte - haben wir hier im Basislager repariert.
Konishi, ein japanischer Bergsteiger, den ich seit vielen Jahren kenne, ist gestern Abend nach mehrtägigem unfreiwilligem Aufenthalt in über 6000 m auch wieder im Basislager eingetroffen. Er berichtet von Neuschneehöhen bis zu 1,5 m oberhalb von Lager I und dass alle Zelte in Lager II zerstört sind.

Der heutige Tag beginnt, wieder wie schon so viele in der letzten Zeit, mit dem Freischaufeln der Zelte. Der Luftdruck ist gestern zwar kurzfristig gestiegen und am Abend hatte der Wind aus dem tibetischen Hochland kommend für Aufheiterungen gesorgt, aber heute ist der Luftdruck wieder ins bodenlose gesunken.
Nun schneit es wieder ununterbrochen. Das heutige Schlagwort heißt:
" Es kann nur noch besser werden, schlechter geht es nicht mehr".
Wir verbringen den Tag in den Zelten und lesen. Die Tauschbörse der Bücher ist im vollen Gange. Das Lesen bietet zwar Abwechslung, aber es ist sicher nicht das Hauptziel der Expedition.
Manaslu Tagebuch Teil 3
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