Pik Pobeda Tagebuch Teil 3
14. August 2006
Aufstieg im Sturm zum Lager V
Am Morgen ist der Sturm immer noch zu stark um weiter aufzusteigen. Gegen Mittag lässt der Wind etwas nach und wir setzen unseren Aufstieg weiter fort. Unmittelbar hinter unserem Lagerplatz führt der Aufstieg im steilen Fels (4-5 Grad) nach oben. Danach folgen steile Firnfelder die vor dem anhaltenden Wind keinen Schutz bieten. So bleibt es nicht aus, dass Dimar und ich am Abend Erfrierungen im Gesicht haben. Die schweren Rucksäcke, die technischen Schwierigkeiten und der starke Wind fordern alle unsere Kräfte um den Westgipfel zu erreichen. Hinter dem Westgipfel müssen wir noch ca. 500 Meter dem Grat folgen, bis wir dann in einer kleinen Scharte, eine Schneehöhle bauen können. Die Zeit ist schon fortgeschritten und so ist unsere Schneehöhle erst gegen 23 Uhr bezugsfertig. Das Wetter verschlechtert sich zusehends und an einen Gipfelanstieg am morgigen Tage ist im Moment nicht zu denken.
15. August 2006
Sturm im Lager V
Die ganze Nacht stürmt und schneit es und unser Eingang in die Schneehöhle ist komplett mit Schnee gefüllt. Der Sauerstoffgehalt ist zwischenzeitlich schon so weit gesunken, dass unser Gasbrenner nicht mehr in Gang gesetzt werden kann. Wir befreien den Eingang von den Schneemassen und vergrößern den Innenraum im Laufe des Tages.
16. August 2006
Ausharren im Lager V
Wieder besteht keine Möglichkeit die Höhle zu verlassen. Die Zeit in der dunklen aber sicheren Schneehöhle will nicht vergehen und das Liegen bereitet schon die ersten Schwierigkeiten. Auch am Abend ist keine Wetterbesserung in Sicht.
17. August 2006
Abgeschnitten von der Außenwelt im Lager V
Jetzt ist das Warten unerträglich und ich habe bereits die ersten Alpträume. Die Träume drehen sich um den nicht mehr möglichen Abstieg aus dieser Hölle. Nein, es sind nicht nur die Träume, sondern ich mache mir ernsthafte Sorgen wie es weiter gehen soll.
18. August 2006
Wetterbesserung ist in Sicht im Lager V
Unter nüchterner Betrachtung müsste ein sofortiger Abstieg begonnen werden. Leider ist das nicht möglich bei dem vorherrschenden Sturm. Erst am Nachmittag bessert sich das Wetter und sofort sind die Gedanken wieder beim Gipfelaufstieg. Wir stellen uns daher auf einen Aufstieg ein.
19. August 2006
Aufstieg in Richtung Gipfel
Um 1 Uhr stehen wir auf und richten uns für den Aufstieg. Eine Stunde später stehen wir vor der Höhle und beginnen mit dem Aufstieg auf dem 4 km langen Grat. Mir fällt jeder Schritt schwer und Dimar mahnt mich mehrmals das nötige Tempo einzuhalten damit wir die lange Etappe bewältigen. Langsam wird es hell und eine wunderbare Berglandschaft offeriert sich. Ich kann aber diese einmalig schönen Bilder nicht genießen, ich quäle mich ungemein und ich bemerke wie es in meiner Lunge brodelt. Was ist das schießt es mir durch den Kopf! Schnell wird mir klar, dass alle Symptome auf ein Lungenödem hindeuten. Jetzt muss schnell gehandelt werden und der Entschluss zur Umkehr wird gefasst. So eine Situation hatte ich noch nie, ich muss umdrehen weil ich körperlich nicht mehr kann. Waren die Alpträume von einer Rettungsaktion bereits die Vorboten auf dieses Ereignis?
Jetzt muss ich meine Energie auf den Abstieg konzentrieren. Nur noch langsam komme ich voran hinunter zum Lager V. Ich bitte Dimar eine Hubschrauberbergung von Lager V zu organisieren. Leider sind die Piloten nicht dazu bereit, obwohl es im Moment noch windstill ist.
Dimar sichert mich im Abstieg zum Lager IV Seillänge für Seillänge und wir kommen recht gut voran obwohl es mir sehr langsam vorkommt. Im Lager III machen wir eine Pause und Dimar versucht eine Hubschrauberbergung vom Lager II zu organisieren. Allerdings wieder ohne Erfolg.
Uns wird in Aussicht gestellt, dass vom Lager I einen Hubschrauberflug möglich ist. Wir erreichen total erschöpft das Lager II gegen 18 Uhr und fallen nach dem Abendessen in einen Tiefschlaf.
20. August 2006
Abstieg durch den Eisbruch zum Basislager
Wir sind so erschöpft, dass wir verschlafen. Als wir unser Zelt abbauen kommen vier tschechische Bergsteiger vorbei die uns ein Teil unseres Gepäckes abnehmen. So geht es wenigsten einigermaßen gut voran. Als wir im Lager I noch ein Mal nach dem Hubschrauber fragen bekommen wir wieder eine Absage. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als doch zu Fuß abzusteigen. Wir erreichen das Basislager wieder bei Schneefall. Das Küchenpersonal hat uns ein richtiges Festmahl zubereitet, was wir in unserem ausgemergelten Zustand hastig verzehren. Nach einem ausgedehnten Saunagang sieht die Welt schon wieder ganz anders aus und wir bekommen neue Energie. Ausgerechnet an diesem Tag gibt es im Basislager nichts mehr zu trinken und so können wir unsere Rückkehr nicht feiern.
21. August 2006
Die Ausrüstung wird für den Rückflug gepackt
Nachdem ich die ganze Nacht von einem schrecklichen Husten geplagt werde hat mich der Arzt am Morgen untersucht und mir Antibiotika verpasst, damit ich keine Lungenentzündung bekomme. Es bestätigt sich der Verdacht auf ein Lungenödem. Am Nachmittag trockne ich meine Ausrüstung und verpacke diese für den morgigen Rückflug.
22. August 2006
Rückflug nach Karkara
Gegen 10 Uhr holt uns der Hubschrauber ab und nach 45 Minuten landen wir in Karkara. Die Saison ist zwischenzeitlich vorüber und somit das Lager menschenleer. Üblicherweise sind hier im Lager mehr als 100 Bergsteiger. Ich möchte einen Tag früher zurück nach Almaty fahren, damit ich noch eine Stadtbesichtigung machen kann und buche das bei der örtlichen Agentur. In der wolkenlosen Nacht kommt ein starker Sturm auf und rüttelt die Zelte heftig durch. An einen geruhsamen Schlaf ist nicht zu denken.
23. August 2006
Abschied von Dimar Pavlenko
Dimar fliegt am Morgen zurück zum Kan Tengri um dort seinen im Vorjahr begonnenen Alleingang zu vollenden und wir verabschieden uns herzlich voneinander. Ich Danke ihm für seinen selbstlosen Einsatz, mich aus meiner lebensbedrohlichen Situation zu retten. Ohne ihn wäre ein Abstieg für mich nicht möglich gewesen.
Den Abschluss meiner Expedition und somit auch der letzte Aufenthaltstag am Berg nutze ich damit meinen Freunden, Bekannten und Sponsoren Grüße per Postkarte zu senden.
24. August 2006
Almaty
Die sechsstündige Fahrt mit einem Kleinbus über staubige Straßen bringt mich zurück in die Zivilisation. Ich bin in einem guten Hotel in Almaty und habe endlich ein Bett nach 4 Wochen nächtigen auf einer 1,5 mm dicken Isomatte - ein Himmelreich!
Das Abendessen - ein Genuss an einem schön gedeckten Tisch mit Ambiente und angenehmer Atmosphäre nach so langem Entbehrungen zu speisen.
25. August 2006
Stadtbesichtigung und Rückflug
Der letzte Tag dieser Reise wird durch eine Stadtbesichtigung durch Almaty abgerundet. Nach dem Frühstück holt mich die deutschsprachige Reiseführerin vom Hotel ab und ein Fahrer bringt uns im chaotischen Stadtverkehr von einer Sehenswürdigkeit zu der anderen. Zum Schluss der Stadtbesichtigung besuchen wir noch das völkerkundliche Museum. Hier ist das Leben und Wirken der Bevölkerung in den zurückliegenden Epochen mit vielen Exponaten sehr anschaulich dargestellt. Nach dem Abendessen bringt mich ein Fahrer zum Flughafen. Der Flug geht direkt von Almaty nach Frankfurt und verläuft nach Flugplan.
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