Manaslu Tagebuch Teil 3
30. April 2002
Wetterberuhigung
Nachdem sich am frühen Morgen der Wind zum Sturm gesteigert hat, ist der Schnee in alle Ritzen der Zelte eingedrungen. Als wir dann zum Frühstück gehen, scheint die Sonne und wir können die dringend notwendigen Reparaturarbeiten an den Zelten im Basislager durchführen.
In den vergangenen Schlechtwettertagen hat sich der Untergrund meines Zeltes so drastisch verschlechtert, dass ich da Abhilfe schaffen muss.Nach einem zweistündigen Arbeitseinsatz kann ich wieder waagrecht in meinem Zelt liegen und fühle mich nicht mehr wie ein Maikäfer der auf dem Rücken liegt.

Die Sonneneinstrahlung war heute so stark, dass sich der Schnee recht schnell gesetzt hat und wir für den morgigen Tag den Aufstieg ins Lager I planen können. Die seit längerem vorhandenen Probleme mit der Erreichbarkeit über das Satelliten - Telefon konnte noch nicht geklärt werden. Die Erklärung der Betreibergesellschaft lautet: Die Leitungen sind überlastet, da die Bodenstation in Deutschland geschlossen wurde und nun alle Verbindungen über Frankreich gehen. In den nächsten Tagen sind wir laut unserem Plan unterwegs und nach der Rückkehr gibt es dann hoffentlich eine Lösung für dieses Problem.
01. Mai 2002
Verschüttete Zelte im Lager I
Wie schon in den vorangegangenen Aufstiegen, starten wir vor Sonnenaufgang vom Basislager, damit wir nicht zu lange in der prallen Sonne aufsteigen müssen.

Am Naike Col bläst der Wind allerdings in Sturmstärke und die Kleidung muss umgehend an die neuen Gegebenheiten angepasst werden.

Bei der Ankunft im Lager I stockte uns der Atem. Von unseren Zelten ist so gut wie gar nichts mehr zu sehen. Wenn überhaupt, so schauen nur noch die oberen 10 cm des Zeltes aus dem Schnee heraus.

Wir machen uns an die Arbeit und schaufeln die Zelte frei. Hoffentlich ist nicht zu viel kaputt! Nach drei Stunden sind die Zelte freigelegt und wir haben nun einen Überblick über den tatsächlichen Schaden. Mehrere Zeltgestänge sind gebrochen, aber die Zelte können an einem neuen Standort wieder aufgebaut werden.

Immer wieder kommen während des Umbaus starke Windböen auf und so kommt es wie es kommen musste, ein Zelt wird von einer Windböe erfasst und fliegt davon. Es kommt ca. 100 m unter unserem Lager zum liegen. Bei Schneetreiben ist aber eine Bergung zu gefährlich und so muss der Verlust des Zeltes in Kauf genommen werden. Der Rest des Tages wird mit Lesen und Kochen in den Zelten verbracht.
02. Mai 2002
Spurarbeit im hüfttiefen Schnee
Vor Sonnenaufgang verlassen wir das Lager I und bahnen uns den Weg durch anfänglich 20 - 30 cm tiefen Schnee. Mit zunehmender Höhe wird der Schnee jedoch rasch tiefer und grundloser.

Oberhalb von 6000 m spuren wir den Weg in teilweise hüfttiefem Schnee und in den Steilstufen können jeweils nur 10 Schritte gespurt werden, bis die Führung an andere Teilnehmer abgegeben werden muss.


Zunehmend schwinden die Kräfte und nach dem Mittag verschlechtert sich dann das Wetter drastisch. Starker Schneefall setzt ein und die Wegefindung im Schnee ist nun äußerst schwierig. Wie fast immer sind genau jetzt zu wenig Flaggen vorhanden, aber wir erreichen unter Einsatz aller Kräfte um 14:30 Uhr das Lager II in 6600 m Höhe. Bei unserem letzten Aufstieg zum Lager II hatten wir hier drei Zelte aufgestellt. Von diesen Zelten ist jetzt nichts mehr zu sehen. In den Zelten sind sowohl weitere Zelte als auch Ausrüstungsgegenstände deponiert. Wir beginnen mit den Ausgrabungsarbeiten und werden unter zwei Meter tiefem Schnee fündig. Die Zelte sind jedoch platt gedrückt und die meisten Gestänge gebrochen. Zum Glück ist der Inhalt der Zelte unbeschädigt und wir können im dichten Schneetreiben neue Zelte aufbauen. Wir sind froh, als wir uns in die Zelte begeben können und uns warmen Tee zubereiten können. Am Abend lässt der Schneefall etwas nach, jedoch verursacht starker Wind in der Nacht erhebliche Schneeverfrachtungen.
03. Mai 2002
Abstieg ins Basislager
Der Morgen begrüßt uns mit Sonnenschein und relativ milden Temperaturen, jedoch sind über Tibet recht bedrohliche Wolken. Der Wind kommt derzeit aus dieser Richtung und so können wir den Wetterverlauf für die kommenden Stunden nicht einschätzen.

Die Aufstiegsspur ist zum größten Teil verschwunden und es sind nur noch leichte Schatten im Schnee von unserer gestrigen Arbeit zu erkennen. Um 8:00 Uhr beginne ich mit dem Abstieg ins Tal. Teilweise reicht mir der Schnee bis zum Oberschenkel.Ich versuche so schnell wie möglich das Lager I zu erreichen. 300 Höhenmeter oberhalb von Lager I treffe ich auf eine amerikanische Expedition, die sich im Aufstieg zum Lager II befindet. Ab hier ist der Abstieg erheblich Kraftsparender.

Im Lager I deponiere ich meine Ausrüstung und steige sofort zum Basislager ab. Das Mittagessen schmeckt nach dieser Anstrengung besonders gut und der anschließende Mittagsschlaf lässt die Kraft auch wieder zurückkehren. Das Wetter verschlechtert sich mal wieder und am Abend gibt es am Horizont Wetterleuchten. Ein starker Wind raubt uns in der Nacht den Schlaf.
04. Mai 2002
Bilderbuchwetter
Nachdem sich der Wind bis zum Sonnenaufgang gelegt hat, begrüßt uns der Tag mit Sonnenschein pur. Seit wir hier im Basislager sind, gab es noch keinen Tag der annähernd so schön war wie der heutige. Es ist keine Wolke am Himmel und nur am Gipfel des Manaslu weht ein starker Wind. Hier im Basislager ist es sehr warm. Gegen 5:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit klappt dann auch die Verbindung über Satellit nach Deutschland und ein Live Interview mit Michael Welter vom SWR 4 Tübingen kommt zustande. Bis zum Mittag ist dann auch Ralf, Sepp, Gianni und unser pakistanischer Hochträger Qudrat Ali vom Lager II zurück. Sie sind einen Tag länger im Hochlager geblieben um den weiteren Weg zum Lager III zu erkunden. Zwei Hochträger sollten heute weitere Zelte ins Lager III in 7400 m bringen. Sie müssen aber wegen zu starkem Wind oberhalb vom Nord Col wieder umkehren und machen am erreichten Punkt ein Depot. Bei dem schönen Wetter genehmigen sich alle Teilnehmer im Laufe des Tages eine ausgiebige Dusche und bringen ihr Äußeres wieder in einen guten Zustand. Erst gegen Abend ziehen Wolken auf und bringen in der Nacht erneut Graupelschauer, die jedoch nicht so ergiebig sind, wie die in den vergangenen Tagen.
05. Mai 2002
Neuschnee
In der Nacht hat es ca. 10 cm Neuschnee gegeben, aber am frühen Morgen scheint die Sonne wieder. Heute stellt sich die Frage wie man sich vor der Sonneneinstrahlung schützen kann, denn es hat bereits am Morgen 35°C im Zelt. Es ist ein richtig tolles Sonntagswetter und wir warten auf den richtigen Zeitpunkt bis wir zum Gipfel aufsteigen können.

Unverkennbar ist die Nervosität innerhalb der Gruppe zu spüren. Sollte das Wetter mitmachen, so können wir frühesten in zwei Tagen mit dem nächsten Aufstieg beginnen. Ein Anruf beim Wetteramt in Innsbruck holt uns aber gleich wieder in die Realität zurück. Demnach soll das Wetter in den nächsten Tagen unbeständig sein und es ist mit weiteren Schneefällen zu rechnen. Dr. Gabel, der Leiter des Wetteramts in Innsbruck, möchte bis morgen nochmals eine Wettervorhersage ausarbeiten. Wir hoffen immer noch auf einen Schönwetterzyklus in den nächsten Tagen.
06. Mai 2002
Geburtstagsfeier
Mit hoher Schichtbewölkung und einer Wolkenhaube über dem Gipfel des Manaslu begrüßt uns der heutige Tag. Ob diese Wolken nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen sind, darüber wollen wir lieber nicht nachdenken. Heute hat unser Expeditionsarzt Johannes Carstensen Geburtstag und so stimmen wir zum Frühstück ein Geburtstagslied an.Es ist eine ausgelassene Stimmung und die Teilnehmer widmen sich dem Unterschreiben der 500 Postkarten. Nachdem ich über die Hälfte der Postkarten unterschrieben habe, muss ich erst einmal eine Pause einlegen. Jetzt habe ich den Punkt erreicht, wo ich meine eigene Unterschrift nicht mehr lesen kann. Danach geht es mit neuem Schwung wieder ans Werk. Gegen Mittag rufen wir Dr. Gabel vom Wetteramt Innsbruck an um die neuesten Wettermeldungen zu erfahren:
„Bis zum kommenden Freitagnachmittag ist es noch schön, dann nähert sich ein Tiefdruckgebiet und es ist mit erneutem Schneefall zu rechnen."

Was tun ist jetzt die große Frage. Bis zum Freitag ist nicht mehr viel Zeit und so entscheiden wir uns für den morgigen Aufstieg. Schnell wird die notwendige Ausrüstung für den Aufstieg zum Gipfel zusammengestellt. Wir wollen morgen bis zum Lager I gehen und die Sherpas direkt bis zum Lager II.
07. Mai 2002
Aufstieg zum Lager I
Um 8.00 Uhr verlassen wir das Basislager und erreichen gegen Mittag bei idealem Wetter das Lager I. Der Rest des Tages verläuft wie die meisten Tage in den Hochlagern: Wasser kochen - trinken - lesen - warten.
Das Wetter ist den ganzen Tag über prächtig. Nur am Gipfel des Manaslu ist ständig eine Schneefahne zu sehen. Ein deutliches Zeichen, dass dort oben ein starker Wind weht.

Zumindest kommt der Wind aus nördlicher Richtung und das ist üblicherweise trockene Luft aus Tibet. An die Höhe sind wir zwischenzeitlich auch recht gut akklimatisiert und so schlafen wir in der Nacht sehr gut.
08. Mai 2002
Der unendlich weiter Weg zum Lager II
Bei Sonnenaufgang verlassen wir das Lager I und steigen in den zerklüfteten Eisbruch. Solange wir noch im Schatten laufen ist es sehr kalt und ich muss meine dicken Handschuhe anziehen.

Die Aussicht ist heute wieder phantastisch. Nur im Tal ziehen die ersten Wolken auf und wir blicken über ein Wolkenmeer.

Beim letzten Aufstieg mussten wir uns den Weg durch tiefen Schnee bahnen und es kostete uns unendlich viel Kraft bis wir den Höhenunterschied von 1000 m überwunden hatten. Heute sind die Bedingungen erheblich besser und wir können uns die Energie für die Gipfeletappe aufheben.

Der Eisbruch hier am Manaslu besitzt nicht die Wildheit eines Kumbu Eisbruchs am Mount Everest, aber hier ist nur ein Bruchteil der Bergsteiger und es ist nicht möglich die Aufstiegsspur immer in einem optimalen Zustand zu halten. Alles hat eben seine Vor - und Nachteile.Am Nachmittag erreichen wir das Lager II, das wie ein Adlerhorst unterhalb einer großen Gletscherspalte gelegen ist und dadurch weitgehend Lawinensicher ist.

Wir sind im Moment zu müde, um den grandiosen Ausblick von hier oben genießen zu können und ziehen uns bald in unsere Zelte zurück.

Wie der morgige Weiterweg aussieht wissen wir nur aus Erzählungen von unseren Sherpas, die bereits heute einen Teil der Zelte ins Lager III gebracht haben und am späten Nachmittag wieder ins Lager II abgestiegen sind.

09. Mai 2002
Schwieriger und mühsamer Aufstieg zum Lager III
Zuerst gehen wir hinter unseren Zelten in Richtung N - Col. Unterhalb diesem Col hat der japanische Bergsteiger Konishi sein Lager III errichtet.

Ob diese Wahl des Platzes bei den hier häufig herrschenden Stürmen so sinnvoll ist, mag bezweifelt werden. Vor hier aus geht der Aufstieg in einer Geländesteilheit von 45 ° nach oben. Die Norweger haben hier Fixseile zurückgelassen, was im Anbetracht von Blankeis und der Geländesteilheit auch bitter nötig ist.


Der Wind bläst die ganze Zeit Unmengen von Schneekristalle über unsere Köpfe hinweg und ich traue mich nicht meine Kamera aus dem Rucksack zu holen. So habe ich von dieser Passage leider keine Bilder..... Alles in allem ist der Aufstieg sehr mühsam und wir sind glücklich als wir den Lagerplatz in 7400 m zu Gesicht bekommen. Das Lager III liegt in einer Mulde, die einen ebenen Schneeuntergrund besitzt, allerdings ist man hier schutzlos dem Wind ausgesetzt. Als wir im Lager ankommen geht nur ein mäßiger Wind und wir beginnen sofort mit dem Aufbau der Zelte.


In dieser Höhe artet der Aufbau des Lagers in Schwerstarbeit aus. Jeder Handgriff ist anstrengend und wir versuchen uns anschließend in unseren Schlafsäcken auszuruhen. Da wir bereits um Mitternacht aufbrechen wollen ist die Zeit eh sehr knapp bemessen.

Am Abend ist die Sicht zum Gipfel sehr gut und wir versuchen uns die Aufstiegsspur einzuprägen. Sepp steigt ein Stück nach oben und steckt Markierungsfahnen, damit wir in der Nacht den Weg finden.
Manaslu Tagebuch Teil 4
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