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Dienstag, 07 Sep 2010
YOU ARE HERE: Home Makalu 2000 Tagebuch Teil 2
Makalu Tagebuch Teil 2
Geschrieben von: Dieter Porsche   
Freitag, den 16. Juni 2000 um 00:00 Uhr

Makalu Tagebuch Teil 2

1. Gipfelversuch

Am 3. Mai sind Peter, unser Sherpa Nima und ich im Begriff zum Lager I hinaufzusteigen. Hjördis und Bernd, die erst vor 2 Tage vom Lager I heruntergekommen sind, fühlen sich noch nicht fit und wollen noch einen weiteren Tag im Basislager bleiben. Gegen 5 Uhr starten wir vom Basislager und sind um 9 Uhr im vorgeschobenen Basislager, wo wir alles Notwendige für den weiteren Aufstieg vorbereiten.

Anschließend besprechen wir mit den Koreanern die weitere Vorgehensweise am Berg. Nach den ergiebigen Schneefällen sind alle Sherpas in den letzten Tagen in das vorgeschobene Basislager abgestiegen und wollen erst morgen wieder aufsteigen. Mit dem Wissen, dass die notwendigen Fixseile oberhalb vom geplanten Lager III noch nicht angebracht wurden, lassen wir uns dazu überreden, erst morgen weiter aufzusteigen. Gleichzeitig werden wir von ihnen zum Abendessen eingeladen und wir kommen der Einladung sehr gerne nach.

Aufsteig zum Lager I

Um 6 Uhr beginnt unser Aufstieg zum Lager I bei sehr niedrigen Temperaturen und wir sind froh, als uns die ersten Sonnenstrahlen vor dem Felsaufstieg zum Depot erreichen. Die verschneiten Felsplatten hinauf zum Depot sind sehr schwierig zu begehen und wir müssen mit äußerster Vorsicht vorangehen. Mit dem Klettergurt und den Steigeisen aus dem Depot steigen wir dann auf dem verschneiten Gletscher hinauf zum Lager I, wo wir den restlichen Tag im Zelt verbringen. Am Nachmittag ziehen dann wieder Wolken auf und der Everest ist dann nicht mehr zu sehen. In Tibet sind aber Aufhellungen zu sehen und wir hoffen auf schönes Wetter für den morgigen Tag.

Aufstieg zum Lager II

Lhotse und Mount Everest

Am Donnerstag den 5. Mai warten wir mit dem weiteren Aufstieg, bis die ersten Sonnenstrahlen gegen 8 Uhr das Zelt erreichen. Die Sherpas gehen voran und machen eine Spur entlang der Fixseile. Der erste Teil des Aufstieges zieht sich entlang einer Felsbegrenzung im 40 - 45 ° steilen Firn und ist entsprechend kraftraubend.

Steiler Aufstieg im Firn

Im oberen Teil geht es dann über plattigen mit Schnee durchsetzten Fels bis hinauf zum Makalu La. Hier ist nun eine große Hochebene in 7400 m Höhe, die im Norden vom Kangchungtse und im Süden vom Nordostgrat des Makalu begrenzt wird.

Ab 7000 m Höhe geht es im Fels weiter

 

Geländesteilheit nimmt ab

Die Zelte der Koreaner sind nur einige hundert Meter vom Ausstieg aus den Felsen entfernt, wo auch wir unser Zelt gegen 16 Uhr aufstellen. In der Zwischenzeit schneit es schon wieder und es ist kaum noch etwas von der Landschaft zu sehen.

Lager II in 7400 m

Aufstieg zum Lager III

Am nächsten Morgen wird dann das Wetter etwas besser und wir können nach unserem Aufbruch um 6 Uhr die Landschaft und die umliegenden Berge sehr schön sehen. Der weitere Aufstieg führt zuerst über ein ansteigendes Firnplateau bis zu einem Felsband. Da die Wegefindung bei schlechtem Wetter hier sehr schwierig ist, markieren wir den Weg mit unzähligen Fähnchen. 

Oberhalb von Lager II

 

Aufstieg auf dem Firnplateau

Der Weiterweg in dem Felsband ist mit den schweren Rucksäcken sehr kraftraubend und es geht nur noch langsam voran. Von hier ist nun auch der 8586 m hohe Kangchenjunga ohne Wolken zu sehen. Am Ende des Felsbandes und vor der Querung zum Eisbruch errichten wir unser Lager III in 7660 m Höhe.

Die Koreaner finden noch einen Platz im Fels, an dem sie ihr Zelt errichten können. Wir müssen unseren Zeltplatz in einem 40° steilen Firnhang heraus schaufeln. Nach kurzer Zeit stoßen wir auf Eis und wir kommen nicht mehr tiefer. Auf dem dann zur Verfügung stehenden Platz findet nur ein Teil des Zeltes Platz, der Rest hängt im Freien.

Lager III in 7660 m

Der noch verbleibende Platz im Zelt war dann doch recht knapp für 3 Personen und wir mussten extrem aufpassen, dass wir nicht plötzlich zusammen mit dem Zelt in die Tiefe stürzen.

Um 23 Uhr begannen wir mit den Vorbereitungen für den Gipfelgang und waren dann um 1 Uhr startklar. Kaum war ich aus dem Zelt, da kam ein dermaßen starker Wind auf, dass ich innerhalb weniger Minuten wie ein Schneemann aussah und wieder ins Zelt zurück musste. Es folgten zwei weitere Anläufe, die wieder im Schneetreiben erstickt wurden. Erst um 3 Uhr lässt der Wind so weit nach, dass wir starten können. Mühsam und langsam queren wir den Firnhang bis unterhalb des Eisbruchs, wo die Sherpas gestern bereits 100 m Fixseil angebracht haben. Der 45° steile Aufstieg an dem Fixseil geht in dem Neuschnee nur sehr langsam voran und es beginnt bereits zu dämmern, als der erste Sherpa das Ende des Fixseils erreicht. Die Querung des aus Blankeis bestehenden Hängegletschers liegt aber noch vor uns und ist in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit und des anschließenden Gipfelaufstieges kaum noch machbar. Aus diesem Grund entschließen wir uns zur Rückkehr zu unserem Lager. Wenigen Stunden nach der Rückkehr beginnt es dann zu schneien, was den ganzen Tag über anhält. Erst am Abend bessert sich das Wetter wieder und wir wollen es am nächsten Tag erneut versuchen.

Wieder beginnen wir mit den Vorbereitungsarbeiten um 23 Uhr. Wie sich aber herausstellt ist nur noch ein Sherpa einsatzfähig, alle anderen fühlten sich krank. An ein Versichern des Hängegletschers in der Nacht ist gar nicht zu denken. So entschließen wir uns zu einem Abstieg ins Basislager und zu einem weiteren Versuch in ein paar Tagen.

Abstieg ins Basislager

Um 7 Uhr ist unser Zelt abgebaut und im Zelt der Koreaner deponiert und wir beginnen mit dem Abstieg. Die mit Neuschnee bedeckten Felsen sind nur sehr schwierig zu begehen und fordern die volle Aufmerksamkeit, um nicht auszurutschen. Beim Abstieg zum Lager II kommen mir die Anzahl der Markierungsfahnen als immer noch zu wenig vor.

Abstieg vom Lager III (Gipfelaufbau)

Als wir dort ankommen bläst ein sehr starker Wind und wir schauen, dass wir möglichst schnell weiter absteigen.

In den Felsen und in den Firnhängen liegt dann auch 30 - 40 cm Neuschnee und der Abstieg ist sehr mühsam. Im Lager I deponieren wir die meiste Ausrüstung für den nächsten Aufstieg und setzen den Weiterweg zum vorgeschobenen Basislager fort. Um 12 Uhr treffen wir dort ein und machen uns nach einer kurzen Rast zu dem extrem beschwerlichen Abstieg über den Chago - und den Barun Gletscher zum Basislager, wo wir um 16 Uhr entkräftet eintreffen. 2800 m Abstieg und ca. 15 km Strecke hinterlassen eben doch ihre Spuren.

2. Gipfelversuch

In den zwei darauf folgenden Tagen bereiten wir uns für einen neuen Gipfelversuch vor und versuchen uns so gut wie möglich zu erholen. Sicherheitshalber verlegen wir unseren Rückflug vom 19. auf den 21. Mai, damit wir etwas mehr Zeit beim Auf- und Abstieg haben. Nach den neuesten Wetterdaten von Dr. Gabl aus Innsbruck soll ab dem 12. Mai das Wetter ruhiger verlaufen und die Winde nachlassen und somit die Gipfelchancen steigen.

Am 11. Mai steigen wir wieder zum vorgeschobenen Basislager hinauf, wo wir gegen die Mittagszeit eintreffen und von den Sachsen zum Mittagessen eingeladen werden. Danach verschlechtert sich das Wetter und es beginnt wieder zu schneien. So verbringen wir den Nachmittag weitestgehend im Zelt und beschließen den Tag mit einem gemütlichen Abendessen zusammen mit den Sachen in ihrem großen Mannschaftszelt.

Vorgeschobenes Basislager der Koreaner

Am darauf folgenden Morgen warten wir mit dem Zeltabbau, bis die Sonne unser Zelt erreicht, was so geben 7 .30 Uhr der Fall ist. Nach dem Deponieren der hier verbleibenden Ausrüstung beginnen wir mit dem anstrengenden Aufstieg hinauf zum Depot. Nach dem frisch gefallenen Schnee müssen wir wieder neu spuren und das kostet wieder Kraft. Nachdem die Sachsen vor uns gestartet sind, übernehmen sie die Spurarbeit bis zum Depot. Danach gehen Peter und ich voraus. Heute sehen die Wolken besonders bedrohlich aus und wir sind über die Wetterentwicklung sehr beunruhigt. Um 13 Uhr treffen wir dann im Lager ein und beginnen mit dem Schmelzen von Wasser. Dann gegen 16 Uhr passiert das Unfassbare

Ich am Lager II vor dem Unfall

 

Verhängnisvolles Kochen im Lager I

Unfall

Gerade als ich aus dem Zelt schaue und Peter vor dem Zelt mit Fotografieren beschäftigt ist, fällt plötzlich der Kocher mit einem 3 Liter-Kochtopf voll kochendem Wasser um. Er fällt aber nicht so um, dass sich das Wasser in das Vorzelt ergießt, sondern in das Innenzelt und dabei direkt über meinen rechten Oberschenkel. Hektisch versuche ich mir die nasse Hose vom Leib zu reißen, aber das geht in einem engen Zelt leider nicht so schnell. Nachdem dann die Hose endlich ausgezogen ist, sehe ich dann das Ausmaß der Verfrühungen. An mehreren Stellen hängt die Haut bereits in Fetzen herunter und der ganze Oberschenkel ist feuerrot. Die Schmerzen steigern sich immer mehr bis ich in einen Schockzustand verfalle und sich meine Finger so verkrampfen, dass ich sie zu nichts mehr benutzen kann.

Die Sachsen eilen zu meinem Zelt und versuchen mir zu helfen. Nachdem sie das Ausmaß der Verletzung erkennen, funken sie hinunter zum vorgeschobenen Basislager, wo sich die Ärztin Elisabeth gerade befindet und holen sich dort Rat. “Wundabdeckung und Gabe von starken Schmerzmitteln mit anschließendem sofortigem Abstieg” lautet die Anweisung.

Ich bin wieder im vorgeschobenen Basislager

Nach der Einnahme des Schmerzmittels lässt zwar der Schmerz nach, aber ich bin nicht mehr in der Lage, selbstständig zu entscheiden. Obwohl ich Peter mehrmals darum bitte hier oben zu bleiben, besteht er darauf mich herunterzubringen. Er achtet immer darauf, dass ich keinen Fehler mache und so erreichen wir das vorgeschobene Basislager noch vor Dunkelheit. Dort wartet bereits Elisabeth auf uns und hat alles für die weitere Behandlung vorbereitet. Zuerst bekomme ich eine weitere Dosis Schmerzmittel gespritzt und danach wird die Wunde fachgerecht verbunden. Immer wieder ist mein Kreislauf kurz vor dem Zusammenbruch und Elisabeth hat alle Hände voll zu tun, damit ich überhaupt noch etwas trinken und essen kann. Danach falle ich in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen geht dann die Prozedur mit erneutem Spritzen von Schmerzmittel und anschließendem Abstieg zum Basislager weiter. Der Abstieg über den mit Felsbrocken übersäten Gletscher gestaltet sich nun besonders anstrengend und schmerzhaft. Als wir im Basislager angekommen sind zeigte sich, dass der Verband diese Strapazen nicht überstanden hat und total verrutscht ist. Entsprechend sieht dann auch die Wunde aus. Schnell noch etwas essen und dann geht es mit der Behandlung weiter.

Operation im Basislager

Wieder eine Spritze mit Schmerzmittel und dann kann die Operation im Feldlazarett beginnen. Zuerst werden die störenden Haare aus dem Wundbereich entfernt, danach die tote Haut und in langwieriger Kleinarbeit ohne örtliche Betäubung fordert diese Aktion ein gewisses Durchhaltevermögen.

Bei der Operation im Basislager

Glücklicherweise hat Elisabeth einen Satz keimfreier "Werkzeuge" bei sich, so dass sie sich so richtig entfalten kann. Während der Operation verirrt sich auch noch ein Vogel in das Zelt und sorgt für große Aufregung bis er hinaus befördert werden kann. Nach der Operation sieht es im Zelt dann wie nach einer Großoperation aus und die Atmosphäre ist eher für Leute mit starken Nerven geeignet. Ich war so mit Schmerzmittel versorgt, dass es mich eher kalt lässt. Das spricht für Elisabeth, die ihr Handwerk als Narkoseärztin sehr gut versteht. Anschließend muss ich in einer ausgiebigen Schlafeinheit erst einmal das Schmerzmittel wieder abbauen.

Peter hat sich in der Zwischenzeit bereits um den Hubschrauberrückflug gekümmert. Da aber heute Samstag ist, kann noch nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob die erforderliche Genehmigung über das Wochenende besorgt werden kann. Am späten Sonntag kommt dann die gute Nachricht über das Satellitentelefon, dass am Montagmorgen der Hubschrauber im Basislager eintreffen soll. Wir haben am Sonntag bereits alle Vorbereitungen für die Abreise getroffen.

Am Montagmorgen stehen wir um 6 Uhr startklar an dem Landeplatz und denken gleichzeitig an die anderen Bergsteiger, die heute zum Gipfel aufsteigen. Das Wetter ist super und die Erfolgsaussichten sicher genauso. Um 7.30 Uhr werden wir dann durch den nahenden Hubschrauber aus unseren Gedanken gerissen.

Rückflug

Der Hubschrauber kommt angefolgen

Schnell werden unsere Gepäckstücke in den Hubschrauber verstaut und dann entschwinden wir von unserem einmonatigen Aufenthaltsort. Die Gefühle sind zweigeteilt: Zum einen bin ich traurig, dass wir unsere Arbeit nicht zu Ende bringen und heute am Gipfel stehen können und zum anderen möchte ich so schnell wie möglich in eine Klinik in Deutschland, um nach meiner Wunde sehen zu lassen.

Letzter Blick zurück zum Makalu

Der Hubschrauberflug ist bei dem schönen Wetter wunderbar und wir können die Bergriesen Makalu, Mount Everest, Lhotse, Ama Dablam bewundern. Dann überfliegen wir noch Lukla, von wo aus wir vor 4 Wochen ins Basislager geflogen sind. Einige Minuten später landen wir dann in einem kleinen Ort und setzen von hier die Weiterreise mit einem Kleinbus nach Kathmandu fort. Als wir dort nach 5 Std. Fahrtzeit ankommen, versuche ich als erstes einen Termin in der Klinik in Deutschland zu bekommen.

Hubschrauber landet in einem kleinen Ort

Der Rückflug wird auf den 17. Mai vorverlegt. Am darauf folgenden Tag bin in dann in der Klinik in Tübingen, und lasse den Verband in mühevoller Kleinarbeit wieder herunterschälen.

Die Ärzte sind sehr zufrieden mit dem Zustand der Wunde und loben die Arbeit der Expeditionsärztin. Bereits 4 Tage später ist die Wunde so weit verheilt, dass die Erfolgschancen zu einer baldigen Heilung sehr gut sind.

Danksagung

Besonderen Dank möchte ich meinem Freund Peter Guggemos aussprechen, der mich in aufopfernder Weise nach dem Unfall ins Basislager gebracht hat und somit auf den Gipfel verzichtet hat!

Weiterhin gilt mein besonderer Dank der Expeditionsärztin Elisabeth Eulerich die mich mit ihrem hilfsbereiten und kompetenten Handeln vor weiteren Schäden bewahrt hat und die Vorraussetzung für einen schnellen Heilungsprozess geschaffen hat.

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